Jahrzehntelang lag die industrielle Automatisierung in den Händen weniger: hochspezialisierter Ingenieure, SPS-Programmierer und Systemintegratoren. Heute jedoch demokratisiert eine neue technologische Welle die Art und Weise, wie Anlagen entworfen und verwaltet werden: Low-Code/No-Code. Dies stellt eine stille Revolution dar, die größere Agilität, mehr Autonomie und eine geringere Abhängigkeit von knappen und teuren Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt verspricht.
Was ist Low-Code/No-Code in der Automatisierung?
In der IT-Welt sind Low-Code- und No-Code-Plattformen bereits fest etabliert. Sie ermöglichen die Entwicklung von Software und Anwendungen durch das Verschieben visueller Bausteine, wobei kaum oder gar kein manuelles Programmieren erforderlich ist. Im industriellen Kontext gilt dasselbe Prinzip: Die Programmierung von Systemen, Mensch-Maschine-Schnittstellen (HMI), Prozesslogiken und sogar Robotern wird vereinfacht und beschleunigt. Mit diesen Werkzeugen können Techniker mit mechanischem oder elektrischem Hintergrund Automatisierungssequenzen konfigurieren, Dashboards erstellen oder Produktionsabläufe anpassen, ohne komplexe Sprachen wie Ladder, ST oder SCL beherrschen zu müssen.
Wo wird es angewendet?
Low-Code- und No-Code-Plattformen finden in verschiedenen Bereichen der industriellen Automatisierung Anwendung und vereinfachen Aufgaben, die früher Experten erforderten.
Einer der weitverbreitetsten Bereiche ist die SPS- und Controller-Konfiguration, bei der visuelle Werkzeuge selbst komplexe Logiken mit wenigen Klicks definierbar machen.
Ein weiteres schnell wachsendes Feld ist das Design von Mensch-Maschine-Schnittstellen (HMI): Intuitive Grafikeditoren ermöglichen die Erstellung von Dashboards, Bedienfeldern und individuellen Visualisierungen, selbst für Nicht-Software-Spezialisten.
Diese Plattformen spielen zudem eine Schlüsselrolle bei der Integration von OT-Geräten (Operational Technology) – wie Sensoren, Aktoren und Maschinen – mit IT- und Cloud-Systemen, was den Datenaustausch zwischen Produktionsebene und Managementsystemen wesentlich erleichtert.
Low-Code wird zunehmend auch bei Tests, Kalibrierung und Qualitätskontrolle eingesetzt, wo Standardvorgänge automatisiert werden können, um Fehler zu reduzieren und die Reproduzierbarkeit zu verbessern.
Auch die kollaborative Robotik und automatisierte Handhabungssysteme profitieren von diesem Ansatz: Die Programmierung eines Cobots oder die Konfiguration eines AGV-Pfades kann nun über vereinfachte Schnittstellen erfolgen, die direkt für den Einsatz an der Produktionslinie ausgelegt sind.
Konkrete Beispiele
Die Anwendung des Low-Code/No-Code-Paradigmas in der Industrie ist in vielen Fabriken bereits Realität. Produktionsleiter können eigenständig individuelle Dashboards zur Überwachung der Produktion erstellen oder Echtzeit-Warnmeldungen definieren, ohne die IT-Abteilungen einzubeziehen.
In anderen Fällen werden HMI-Schnittstellen über Drag-and-Drop-Werkzeuge erstellt, ohne eine einzige Zeile HTML oder JavaScript zu schreiben, was eine schnelle Anpassung der Prozessvisualisierung ermöglicht.
Zudem entstehen modulare, App-basierte Systeme, bei denen Techniker Geräte konfigurieren, indem sie Softwaremodule herunterladen und visuell miteinander verknüpfen – ähnlich wie Smartphone-Apps, jedoch für Produktionslinien.
Wichtige Vorteile
Diese Technologien reduzieren die Bereitstellungs- und Inbetriebnahmezeiten erheblich – teilweise um bis zu 50 %. Sie ermöglichen es auch kleineren Unternehmen, die keine dedizierten Programmierer beschäftigen, Automatisierung einzuführen.
Ein weiterer entscheidender Vorteil ist die operative Autonomie: Bediener und Wartungspersonal können Logiken und Prozesse direkt ändern, was die Flexibilität und Reaktionsfähigkeit erhöht. Zudem wird die Integration von IT und OT dank vereinfachter visueller Umgebungen reibungsloser.
Einschränkungen (in stetiger Entwicklung)
Trotz der Vorteile können Low-Code/No-Code-Plattformen die traditionelle Programmierung nicht vollständig ersetzen. Bei hochkomplexen Systemen bleiben erfahrene Entwickler unerlässlich. Es zeichnet sich ein hybrides Modell ab, bei dem Standardaufgaben von visuellen Werkzeugen übernommen werden, während fortgeschrittene Logiken weiterhin klassisch programmiert werden.
Fazit
Low-Code/No-Code ist kein flüchtiger Trend, sondern ein tiefgreifender kultureller und technologischer Wandel. Er holt die Automatisierung aus dem engen Kreis der Spezialisten und legt sie in die Hände derjenigen, die direkt mit den Produktionsprozessen arbeiten.
In einer industriellen Welt, die Flexibilität, Schnelligkeit und Resilienz fordert, stellt diese Demokratisierung der Automatisierungswerkzeuge einen entscheidenden Schritt in Richtung der „Smart Factory“ dar.