Europäische Bioökonomie: Allianz und Vision für eine nachhaltige Industrie

In einem Europa, das von geopolitischen Spannungen, der Energiewende und Wettbewerbsherausforderungen geprägt ist, etabliert sich die zirkuläre Bioökonomie als eine der konkretsten Strategien zur Verbindung von Nachhaltigkeit und industriellem Wachstum. Es handelt sich um ein Wirtschaftsmodell, das erneuerbare biologische Ressourcen und Produktionsabfälle in Materialien, Energie, Lebensmittel und innovative Produkte umwandelt, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduziert und die wirtschaftliche Sicherheit der Union stärkt.

Laut dem Bericht Bioeconomy in Europe 2025 von Intesa Sanpaolo und Cluster SPRING erreichte die europäische Bioökonomie im Jahr 2024 einen Wert von 3.042 Milliarden Euro, was 8,7 % der EU27-Wirtschaft entspricht und über 17 Millionen Arbeitsplätze umfasst. Es handelt sich um einen sektorübergreifenden Metasektor, der Landwirtschaft, Industrie, Forschung und Innovation integriert und zu einer Säule der neuen Industriepolitik Europas wird.

Im Mittelmeerraum, wo die Bioökonomie im Durchschnitt mehr als 10 % der Gesamtproduktion ausmacht, spielt Italien eine führende Rolle und trägt mit einer Wirtschaftsleistung von 426,8 Milliarden Euro und über zwei Millionen Beschäftigten 14 % zur europäischen Bioökonomie bei. Erfahrungen wie Bioraffinerien und biobasierte Wertschöpfungsketten aus industriellen Konversionen zeigen, wie die Bioökonomie Innovation, Beschäftigung und regionale Regeneration fördern kann. Das Phänomen geht jedoch über Italien hinaus und betrifft ganz Europa, wo sich ein vernetztes Ökosystem entwickelt: Die Kompetenzen Nordeuropas in der Holz- und Papierindustrie verbinden sich mit mediterranen Erfahrungen in Landwirtschaft, Biotechnologie und nachhaltigen Materialien.

Diese gemeinsame Vision wurde in Brüssel mit der Gründung der European Bioeconomy Clusters’ Alliance (EBCA) konkretisiert, die vierzehn Cluster aus elf Mitgliedstaaten vereint. Die Initiative basiert auf der Erkenntnis, dass die Bioökonomie eine Säule der europäischen Innovations- und Wettbewerbspolitik ist, ihr volles Potenzial jedoch nur durch die Überwindung nationaler Logiken und den Aufbau einer echten europäischen industriellen Integration entfaltet werden kann.

In einer Phase globaler geopolitischer Neuordnung ist Europa aufgerufen, die strategischen Chancen der zirkulären Bioökonomie zu nutzen: Energiesicherheit, Rohstoffautonomie, technologische Innovation und Produktionsresilienz. Das Jahr 2025 war ein entscheidender Meilenstein mit der Vorstellung des Clean Industrial Deal, des Action Plan on Affordable Energy, des Industrial Decarbonisation Accelerator Act sowie der neuen europäischen Bioökonomiestrategie, deren öffentliche Konsultation gerade abgeschlossen wurde. Diese Schritte sind entscheidend für die Zukunft eines Sektors, in dem Europa weiterhin führend ist, der jedoch durch Überregulierung und fehlende wirksame Nachfragepolitik für innovative biobasierte Produkte an Dynamik verlieren könnte.

Wie die Cluster der Allianz betonen, besteht die Herausforderung nun politisch und industriell darin, die Bioökonomie in den Mittelpunkt der neuen industriellen Agenda der EU zu stellen – mit konkreten Instrumenten für Forschung, Innovation und Skalierung. Zu den identifizierten Prioritäten gehören die Reform der NACE-Codes (ein statistisches Klassifikationssystem wirtschaftlicher Aktivitäten in der EU zur Harmonisierung der Datenerhebung und -analyse) für Bioraffinerien nach US-Vorbild, um branchenspezifische Besonderheiten zu unterscheiden und aufzuwerten, sowie die gesetzliche Anerkennung des Beitrags biobasierter Produkte zur Dekarbonisierung mit gezielten Anreizen und Mindestanforderungen an den biologischen Anteil.

Die Allianz schlägt zudem die Einführung grüner öffentlicher Beschaffung nach dem Vorbild des US-BioPreferred-Programms sowie gemeinsame Standards und Kennzeichnungssysteme vor, um die Verbreitung biobasierter Produkte auf dem europäischen Markt zu fördern.

Gleichzeitig betonen die Cluster die Dringlichkeit, bereits ausgereifte Technologien zu industrialisieren, Investitionsrisiken zu reduzieren und das Wachstum innovativer Start-ups und KMU zu fördern. Die industrielle Biotechnologie, die im EU Biotech Act als Schlüsseltechnologie anerkannt ist, muss zum Motor der neuen europäischen Bioökonomie werden.

Die Gründung der EBCA markiert somit einen wichtigen symbolischen und politischen Schritt: Die Bioökonomie ist nicht mehr nur ein Umweltthema, sondern ein gemeinsames industrielles und kulturelles Projekt. Es ist eine Vision, die Grenzen überschreitet, um Wachstum, Wohlstand und Nachhaltigkeit zu verbinden und ein stärkeres, kohärenteres und wettbewerbsfähigeres Europa aufzubauen.

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