Hydrogen Valley: Italien als Brücke zwischen Produktion und europäischem Wasserstoffmarkt

Hydrogen Valleys stellen einen der strategischen Knotenpunkte der europäischen Energiewende dar. Dabei handelt es sich um territoriale oder regionale Ökosysteme, in denen die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette – von der Produktion über die Speicherung und den Transport bis hin zur Endnutzung – integriert und koordiniert entwickelt wird und Synergien zwischen Industrie, Forschung, Infrastruktur und öffentlicher Politik entstehen.

Diese „Täler“ verfolgen ein klares Ziel: Angebot und Nachfrage von Wasserstoff in einem geografischen Raum zusammenzubringen, um die Dekarbonisierung schwer elektrifizierbarer Sektoren wie der Schwerindustrie und des Verkehrs zu fördern und so zur Erreichung der europäischen Klimaziele beizutragen.

Ein Baustein der RePowerEU-Strategie

Die Europäische Kommission hat Hydrogen Valleys als Schlüsselinfrastruktur für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft im Rahmen des RePowerEU-Plans identifiziert. In diesem Zusammenhang hat die Clean Hydrogen Joint Undertaking (Clean Hydrogen JU) achtzehn Projekte in siebzehn europäischen Ländern finanziert, mit einem Gesamtvolumen von über 1,2 Milliarden Euro, davon 211 Millionen Euro direkt aus EU-Mitteln.

Ziel ist es, regionale Wertschöpfungsketten zu schaffen, die miteinander verbunden werden können und langfristig ein kontinentales Netzwerk für Produktion und Verteilung von grünem Wasserstoff bilden. In diese Richtung geht auch das Projekt European Hydrogen Backbone, das ein europaweites Pipeline-Netz für Wasserstoff aufbauen soll. Unter den identifizierten strategischen Korridoren wird der SoutH2 Corridor eine zentrale Rolle spielen: Er verbindet Nordafrika – wo Solarenergie günstigen grünen Wasserstoff ermöglicht – mit Mitteleuropa und führt dabei durch Italien.

Italien als natürliche Brücke zwischen Süd- und Nordeuropa

Italien nimmt in diesem Szenario eine strategische Position ein. Einerseits ist es aufgrund seiner energieintensiven Industrie ein potenziell großer Wasserstoffverbraucher; andererseits kann es dank seiner geografischen Lage und bestehenden Infrastruktur zu einem natürlichen Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und Nordeuropa werden.

In diese Richtung geht der Nationale Aufbau- und Resilienzplan (PNRR), der 3,64 Milliarden Euro für die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft bereitstellt, davon 500 Millionen Euro für die Schaffung von 52 Hydrogen Valleys und weitere 90 Millionen Euro aus RePowerEU. Die Projektverteilung zeigt einen Schwerpunkt im Süden Italiens, wo mehr als die Hälfte der Investitionen konzentriert ist. Kampanien, Apulien und Sizilien gehören zu den wichtigsten Regionen, während im Norden insbesondere Lombardei und Trentino-Südtirol mit bereits fortgeschrittenen Projekten hervorstechen. Die Hydrogen Valleys sollen bis zum 30. Juni 2026 betriebsbereit sein, auch wenn sich viele Projekte noch im Bau- oder technischen Anpassungsstadium befinden.

Im Aufbau befindliche Ökosysteme

Die italienischen Hydrogen Valleys entwickeln sich zu Laboren der Energiewende, die erneuerbare Produktion, technologische Innovation und praktische Anwendungen integrieren.

Besonders hervorzuheben ist die Hydrogen Valley in Apulien, die in einen strategisch wichtigen industriellen und logistischen Kontext für Süditalien eingebettet ist. Das Projekt, das auf einer starken öffentlich-privaten Partnerschaft basiert, zielt darauf ab, grünen Wasserstoff unter Nutzung der hohen Verfügbarkeit erneuerbarer Energien in der Region zu produzieren und ihn in Industrie und Schwertransport einzusetzen. Apulien positioniert sich damit als wichtiger Wasserstoff-Hub in Süditalien, auch in Verbindung mit zukünftigen Energie-Korridoren im Mittelmeerraum.

Im Alpenraum stellt die Hydrogen Valley in Südtirol, entwickelt rund um das Projekt SASA Bozen, ein Beispiel für eine lokale und integrierte Wertschöpfungskette dar. Die Initiative kombiniert erneuerbare Produktion, Speicherung und direkte Nutzung im öffentlichen Verkehr: Die Wasserstoffbusflotte von SASA zählt heute zu den fortschrittlichsten emissionsfreien Mobilitätslösungen Europas. Die Infrastruktur, die auf lokaler Wasserkraft basiert, zeigt, wie auch kleinere Regionen vollständige und potenziell autarke Energiesysteme entwickeln können.

Diese Erfahrungen zeigen zudem, wie die Schaffung eines lokalen Wasserstoff-Ökosystems einen Multiplikatoreffekt erzeugen kann, der neue Investitionen anzieht und industrielle sowie wissenschaftliche Kompetenzen vor Ort stärkt.

Ein Multiplikatoreffekt für die Wertschöpfungskette

Die Grundidee ist, dass Hydrogen Valleys als Treiber des gesamten Wasserstoff-Ökosystems wirken können und das klassische „Henne-und-Ei“-Problem überwinden: fehlende Nachfrage, die den Bau von Anlagen hemmt, und fehlende Anlagen, die die Nachfrageentwicklung verhindern.

Diese Pilotprojekte ermöglichen das Testen von Technologien, Geschäftsmodellen und öffentlich-privaten Partnerschaften und erzeugen industrielle sowie beschäftigungsbezogene Effekte auf lokaler und regionaler Ebene. Dennoch bleibt es entscheidend, auch die Betriebsphase zu unterstützen, insbesondere die Betriebskosten (OPEX) für Strom, die den größten Kostenblock darstellen und die langfristige Wirtschaftlichkeit gefährden können.

Auf dem Weg zu einem europäischen Wasserstoffnetz

Hydrogen Valleys sind kein Endpunkt, sondern vielmehr ein Ausgangspunkt. Rund um diese Ökosysteme sollen in einer zweiten Phase nationale und europäische Infrastrukturen entstehen, die in die Entwicklung erneuerbarer Energien integriert sind.

Wenn es Europa gelingt, seine Täler zu einem einheitlichen Energienetz zu verbinden, kann Wasserstoff nicht nur zu einem Instrument der Dekarbonisierung werden, sondern auch zu einem Motor der wirtschaftlichen und industriellen Integration zwischen Nord und Süd sowie Ost und West des Kontinents. Und Italien als natürliche Brücke des Mittelmeerraums könnte dabei eine zentrale Rolle in dieser neuen Geografie der sauberen Energie spielen.

Articoli correlati