Weißer Wasserstoff, die verborgene Energie im Erdinneren

Sie benötigt weder Elektrolyseure noch CO₂-Abscheidungssysteme und wird zu geschätzten Kosten zwischen 0,5 und 1,5 US-Dollar pro Kilogramm gefördert – deutlich günstiger als grüner Wasserstoff und schließlich wettbewerbsfähig gegenüber fossilen Energien. Es wird daran gearbeitet, wie viel vorhanden ist und wie schnell es sich regeneriert, doch es könnte die Energiewelt verändern

Über lange Zeit wurde er ignoriert, mit anderen Gasen verwechselt oder als zu selten betrachtet, um wirklich relevant zu sein. Heute steht weißer Wasserstoff jedoch im Mittelpunkt eines wachsenden globalen Interesses. Wie Erdöl wird er nicht produziert, sondern entdeckt. Er ist bereits im Untergrund vorhanden und könnte zu einer der saubersten und zugänglichsten Ressourcen der Energiewende werden.

Im Gegensatz zu grünem, blauem oder grauem Wasserstoff entsteht weißer Wasserstoff nicht durch industrielle Prozesse, sondern durch natürliche Reaktionen tief im Erdinneren. Die wichtigste ist die Serpentinisierung, bei der Wasser in eisen- und magnesiumreiche Mantelgesteine eindringt: Eisen „entzieht“ dem Wasser den Sauerstoff und setzt Wasserstoff frei. Auch natürliche Radioaktivität, tektonische Bewegungen oder mikrobielle Aktivität können zur Bildung beitragen.

Das Ergebnis ist ein Gas, das sich kontinuierlich regeneriert (auch wenn die Geschwindigkeit noch unbekannt ist) und damit eine potenziell erneuerbare Energiequelle darstellt. Kein fossiler Brennstoff der Vergangenheit, sondern eine lebendige Energieform.

Das Phänomen ist nicht neu. Bereits 1888 identifizierte Dmitri Mendelejew, der Vater des Periodensystems, Wasserstoff in einer ukrainischen Lagerstätte. Doch erst in jüngster Zeit wurde seine Bedeutung neu bewertet. Der Durchbruch kam 2018, als im malischen Dorf Bourakébougou ein Wasserbrunnen plötzlich zu brennen begann: reiner Wasserstoff. Seitdem hat das wissenschaftliche und industrielle Interesse stark zugenommen.

In den letzten Jahren sehen mehrere Regierungen und große Energiekonzerne weißen Wasserstoff als strategischen Hebel der Dekarbonisierung. Nicht weil er bereits bereit ist, Öl und Gas zu ersetzen, sondern weil sein potenzieller Preis—und die Möglichkeit der natürlichen Regeneration—Szenarien eröffnet, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar waren. Dieser Perspektivwechsel erklärt seine Aufnahme in politische und industrielle Strategien weltweit.

Heute sind weltweit mehr als 40 Unternehmen an der Erforschung natürlicher Wasserstoffvorkommen beteiligt, mit Projekten in Australien, Kanada, Frankreich, Spanien, den USA und sogar in Italien, wo das NHEAT-Projekt unter der Leitung von CNR, der Universität La Sapienza und INGV darauf abzielt, potenzielle Lagerstätten zu kartieren.

Geologische Karten und chemische Analysen deuten darauf hin, dass auch die Schweiz—und allgemein der Alpenraum—natürliche Wasserstoffreserven beherbergen könnte. Die Entstehung der Alpen durch die Kollision tektonischer Platten brachte eisenreiche Mantelgesteine nahe an die Oberfläche, Materialien, die durch geochemische Reaktionen Wasserstoff erzeugen können. Erste Untersuchungen in Graubünden und im Wallis zeigen ermutigende Hinweise: In der Tiefe könnten aktive Produktionszonen existieren, echte „Wasserstoffküchen“.

Trotz dieses Potenzials bleibt die Vorstellung einer Schweiz als neues „Wasserstoffparadies“ noch fern. Weltweit ist bislang nicht nachgewiesen, dass die Nutzung natürlichen Wasserstoffs wirtschaftlich tragfähig ist, mit der teilweisen Ausnahme geothermischer Bohrungen in Island. Auch der rechtliche Rahmen stellt ein Hindernis dar: Das Bergrecht müsste aktualisiert werden, wie kürzlich in Frankreich geschehen, da derzeit die Kantone für Genehmigungen zuständig sind. Im optimistischsten Szenario könnten die ersten Bohrungen in sieben bis acht Jahren beginnen.

Auch wirtschaftlich ist das Potenzial erheblich. In Mali beispielsweise fördert das kanadische Unternehmen Hydroma Wasserstoff zu etwa 0,5 US-Dollar pro Kilogramm – ein Preis, der grünen Wasserstoff mit 4 bis 6 US-Dollar deutlich unter Druck setzt. In Spanien und Australien liegen erste Schätzungen bei etwa 1 US-Dollar pro Kilogramm, abhängig von Reinheit und Tiefe der Lagerstätten.

Die Fördertechniken ähneln denen von Erdgas, allerdings erfordert die geringe Molekülgröße von Wasserstoff ausgefeiltere Materialien und Abdichtungssysteme. Studien zeigen, dass Teile des italienischen Gasnetzes ohne größere Eingriffe angepasst werden könnten, auch wenn Ventile und Kompressionspunkte problematisch bleiben. Trotz fehlender direkter Emissionen bleiben die Umweltauswirkungen der Bohrungen sowie die Stabilität der Lagerstätten offene Fragen.

Sollten sich die Reserven, wie neuere Studien nahelegen, als reichlich und erneuerbar erweisen, wären die Folgen enorm. Weißer Wasserstoff könnte die globale Energielandschaft neu gestalten, die Abhängigkeit von Öl und Gas verringern und neue Chancen für Europa eröffnen.

Eine Energie, die nicht nur gefördert wird, sondern im Inneren des Planeten entsteht und wieder entsteht. Nach Jahrhunderten der Suche nach Energie an der Oberfläche könnte sich herausstellen, dass die sauberste Lösung schon immer unter unseren Füßen lag.

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